Der Wilde Westen von China

Auszug


Der Wilde Westen von China

Meine Reise an die Westgrenze Chinas beginnt im Mai 2009 an der Metrostation Château de Vincennes bei Paris, im Hinterraum einer schlichten Brasserie. Vor mir steht ein Uigure mit ängstlichem Blick und zitternden Händen. Ein französischer Zivilpolizist begleitet ihn zu seinem Schutz. Der Uigure scheint sich nicht sicher zu sein, ob ich nicht doch als Journalistin getarnt für die chinesische Geheimpolizei arbeite. Er ist Mitglied des Uigurischen Weltkongresses, der Vereinigung von Dissidenten im Ausland,1 und ist kurz zuvor als politischer Flüchtling in Frankreich anerkannt worden. Seine Geschichte ist nicht ungewöhnlich: Nachdem er sich gegen eine Ungerechtigkeit an seinem Arbeitsplatz in Xinjiang gewehrt hatte, folgten Verhaftung, Gefängnis, Flucht. Viel mehr werde ich nicht erfahren. Seine Angst an diesem friedlichen Ort mag übertrieben wirken. Aber sie ist bezeichnend für den psychischen und körperlichen Druck, dem in China turksprachige muslimische Oppositionelle ausgesetzt sind.

Ein paar Tage später in Ürümqi, der Hauptstadt von Xinjiang, dem Autonomen Gebiet der Uiguren, fast 4 000 Kilometer von Peking entfernt. Hier sind keine Spannungen zu spüren, nicht mal in den...

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