Von Der Ignoranz Zur Organisierung? Gewerkschaftliche Strategien Im Umgang Mit Atypisch Beschäftigten Am Beispiel von Callcentern Und Leiharbeit**

Industrielle BeziehungenBand 13 Nr. 4, Oktober 2006

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Zusammenfassung


As a reaction to the deep crisis of German trade unions, observers as well as union leaders have agreed in the 1990s that organizing atypical workers is a matter of outstanding importance for the future of unions. However, what do unions actually do besides paying lip service to organize atypical workers and to improve their work and pay conditions? Which strategies do German unions pursue? The article addresses these questions by analyzing union strategies towards call centre and temporary-employment agency workers. The article shows that in both cases a similar historical pattern can be detected. The initial period of ignorance was overcome by a period of discovery when the lower standards of atypical workers in call centres and agency-work impaired the unions' capacity to pursue their core strategies successfully. However, in both areas the established sector-oriented and works council oriented strategies of German unions failed in terms of their recruitment effect. Following the period of discovery is a period of resignation. Instead of revising their strategies, the unions no longer consider the organization of atypical workers to be a priority.

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Auszug


Von Der Ignoranz Zur Organisierung? Gewerkschaftliche Strategien Im Umgang Mit Atypisch Beschäftigten Am Beispiel von Callcentern Und Leiharbeit**

1. Einleitung

Die Aufwertung von Lohnarbeit von einer unwürdigen Tätigkeit zu einem Status, an den sich soziale Ansprüche und Rechte knüpfen, war eng mit der Verallgemeinerung einer bestimmten Form von Lohnarbeit verbunden, dem Normalarbeitsverhältnis (vgl. Mückenberger 1985; Mayer-Ahuja 2003). Charakteristisch für das Normalarbeitsverhaltnis ist eine sozial abgesicherte, dauerhafte und abhängige Vollzeitbeschäftigung, die mit einem existenzsichernden Lohn verbunden ist. Da das Normalarbeitsverhältnis als gesellschaftliches Leitbild auch die Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland anleitete, war es für die meisten Beschäftigten mit einem Sicherheitsversprechen verbunden (Vobruba 1990). Zwar gab es immer auch, insbesondere für Frauen, abweichende Beschäftigungsverhältnisse. Allerdings herrschte eine breite gesellschaftliche Einigkeit daruber, diese abweichenden Beschäftigungsverhältnisse durch gesetzliche, tarifvertragliche und betriebliche Regelungen zu "normalisieren" (Voswinkel et al. 1996).

Diese Entwicklung steht heute jedoch wieder zur Disposition. Atypische Beschäftigungsformen sind als betriebliche Flexibilisierungsinstrumente salonfähig geworden. Rein quantitativ stagnieren Beschäftigungsverhältnisse, die dem Normalarbeitsverhältnis entsprechen, während atypische Beschäftigungsverhältnisse zunehmen. Nach Daten des sozioökonomischen Panels betrug der Anteil atypischer Beschäftigungsverhältnisse im Jahr 2004 bereits ein Drittel aller abhangig Beschäftigten (vgl. Keller/Seifert 2005: 236). Größte Gruppe der atypisch Beschäftigten sind die Teilzeitbeschäftigten mit einem Anteil von 23% an der Gesamtbeschäftigung. Aber je nach Sektor wachsen auch Formen der befristeten und der geringfügigen Beschäftigung sowie der Leiharbeit. Darüber hinaus hat das Normalarbeitsverhältnis seinen Status als politikanleitende Norm verloren (Mayer-Ahuja 2003).

Angesichts der "dreifachen" Krise, in der sich die Gewerkschaften gegenwärtig befinden (vgl. Ebbinghaus 2003; Schroeder/Weßels 2003; Waddington/Hoffmann 2002), stellt der Bedeutungszuwachs atypischer Beschäftigungsverhältnisse für sie eine besondere Herausforderung dar. Die deutschen Gewerkschaften haben seit den 1980er Jahren an politischer und gesellschaftlicher Akzeptanz verloren, so dass ihre Handlungsmacht heute vor allem von der jeweiligen Mitgliederstärke in den Organisationsbereichen abhängig ist (Legitimitätskrise). Umso verheerender wirkt sich der gegenwärtige Mitgliederrückgang aus. Vor allem in den expandierenden Dienstleistungssektoren gelingt es den Gewerkschaften kaum, organisatorisch Fuß zu fassen (Mitgliederkrise). Die Mitgliederverluste ziehen für die gewerkschaftlichen Organisationen zudem erhebliche finanzielle Probleme nach sich (Finanzkrise). Auch in der Vergangenheit sahen sich die Gewerkschaften immer wieder mit einzelnen dieser Probleme konfrontiert, die Gleichzeitigkeit aller drei ist jedoch charakteristisch für die gegenwärtige "dreifache" Krise der deutschen Gewerkschaften.

Wie reagieren die Gewerkschaften angesichts der "dreifachen" Krise auf die Expansion atypischer Beschäftigungsverhaltnisse? Fast alle gewerkschaftsnahen Beobachter sind sich einig, dass die Organisierung atypisch Beschäftigter eine wichtige Aufgabe für die Gewerkschaften sei, wenn sie ihren umfassenden Anspruch aufrecht ...

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