Lokale Gerechtigkeit Und Governanceethik*

Auszug


Lokale Gerechtigkeit Und Governanceethik*

1. Einleitung

John Rawls schreibt in seiner Theorie der Gerechtigkeit "[D]enn was gerecht oder ungerecht sei, ist gewöhnlich umstritten" (Rawls 1971: 21). Die begriffliche Vielfalt und Unbestimmtheit des Gerechtigkeitsbegriffs wird in dem für die interdisziplinäre Gerechtigkeitsforschung bedeutsamen Buch Local Justice von Jon Elster zum Programm (vgl. Elster 1992). Es geht bei der Theorie lokaler Gerechtigkeit um die Verteilung von knappen und unteilbaren Gütern und Lasten, die gerechtigkeitstheoretisch in den Bereich der Institutionen fallt, genauer: in die institutioneilen Sektoren einer Gesellschaft (vgl. Elster 1990, 1992). Sie ist deshalb lokal, weil die Verteilungsentscheidung sachlich, räumlich, zeitlich und sozial begrenzt ist: "different institutional sectors use different substantive principles of allocations" (Elster 1992: 3).1 Im Gegensatz zur global justice wird bei der lokalen Gerechtigkeit die Entscheidung dezentral getroffen, es erfolgt keine Kompensation für Benachteiligte und es wird in der Regel keine Geld-, sondern eine Sachleistung erbracht (vgl. Elster 1991: 274; Elster 1992: 4 und Elster 1995). Die mangelhafte Berücksichtigung solcher eher soziologischer Erkenntnisse in der Gerechtigkeitsforschung wird von zahlreichen Autoren angemahnt (vgl. Schmidt 1995 und 2000; Müller 1992 und Müller/Wegener 1995): "Die Soziologie hat, folgt man dem Urteil informierter Chronisten, zu dieser Frage erstaunlich wenig zu sagen" (Schmidt 2000: 9).

Im Zentrum des vorliegenden Beitrags steht der Versuch, die Theorie lokaler Gerechtigkeit von Jon Elster für die Wirtschafts- und Unternehmensethik fruchtbar zu machen. Zunächst werden Inhalt, Argumentationsgang und Methode nachgezeichnet (Kapitel 2). Elster bewegt sich in einer empirisch-normativen Grauzone, was Konsequenzen für sein Verständnis von Ethik hat. Es geht ihm im Ergebnis um die Anbindung normativer Gerechtigkeitstheorien an die empirische Praxis oder umgekehrt um die normative Reflexion empirischer Bedingungen moderner Gesellschaften (Kapitel 3). Ausgehend von Elsters Rational-Choice- Ans atz wird die Theorie lokaler Gerechtigkeit hinsichtlich drei Perspektiven wirtschafte- und unternehmensethisch erweitert: begründungstheoretisch, institutionenökonomisch ...

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