Normbindung Unter Marktdruck? Problembereiche Neuer Formen Der Arbeitszeitregulierung in Der Betrieblichen Praxis**

Industrielle BeziehungenBand 11 Nr. 3, Juli 2004

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Zusammenfassung


Decentralisation and flexibilisation are the new watchwords encapsulating the principles of current changes in working time regulation. They are also the starting point for a debate about an uncontrollable erosion of working time regulation and Germany's dual system of industrial relations in general. Little is known about how new forms of working time regulation actually operate at establishment level, and whether they really lead in practice to a loss of employee control over working time. This question is discussed in the paper based on the results of a topical research project. The paper argues that the real challenges for working time regulation are the changes in the production regime of organisations towards a market-driven management system and that the practical effectiveness of working time regulations depends on the politicisation of working time questions within firms. Necessary conditions for such politicisation are the active working time policy of a powerful works council and the creation of a new arena of individualised bargaining.

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Auszug


Normbindung Unter Marktdruck? Problembereiche Neuer Formen Der Arbeitszeitregulierung in Der Betrieblichen Praxis**

1. Einleitung: Flexibilisierung und Erosion

Die Landkarte der Arbeitszeitregulierung in Deutschland wird seit einigen Jahren neu gezeichnet. Allerorten rinden sich neue Regulierungsmuster, die mit den Prinzipien altbekannter Arbeitszeitregulierung nur noch wenig gemein haben. Flexibilisierung und Dezentralisierung, so lauten die Entwicklungslinien, deren Bahnen die Dynamik der Veränderungen folgt. Arbeitszeiten werden flexibler, und Betriebe und Unternehmen werden als Ebenen für die Regulierung der Arbeitszeiten gegenüber der Ebene des Tarifvertrages immer wichtiger.

Verantwortlich für diese Entwicklung ist das starke Flcxibilisierungsintcresse der Unternehmen. Bei den entscheidenden Schritten der Arbeitszeitverkürzungen in den achtziger und frühen neunziger Jahren waren es noch die Gewerkschaften, die Richtung und Tempo bei der Gestaltung der Arbeitszeitrcgulierung bestimmten. In den neunziger Jahren aber wechselte der Staffelstab, und die Initiative ist auf die Unternehmen übergegangen. Seitdem entstehen an vielen Orten neue Formen kollektivver-traglicher Arbeitszeitregulierung, die dem Ziel der Flexibilisierung dienen sollen.

Flexibilisierung und Dezentralisierung stehen in einem engen Zusammenhang. Denn Flexibilisicrung schließt die Anpassung an betriebliche Bedürfnisse und Interessen ein. Auch deshalb ist mit der Flexibilisierung eine Gewichtsverlagerung der Regulierungsebenen weg vom Flächentarifvertrag hin zu betrieblichen Regelungen verbunden, in der Literatur ist dieser Prozess als "Verbetrieblichung" beschrieben worden (Schmidt/Trinczek 1999). Ausgangspunkt dafür war die Einführung von Öffnungsklauscln in den Plächentarifverträgen durch die Festlegung von Ausgteichszeiträumcn für Schwankungen in der Verteilung der Arbeitszeit. Die Öffnungsklauseln schufen die Voraussetzungen für dezentrale Verhandlungen über neue Formen der Arbeitszeitregulierung zwischen den Betriebsparteien Betriebsrat und Unternehmens- oder Betriebsleitung.

Inzwischen wird zunehmend die Gefahr betont, dass die tarifliche Delegation von Aushandlungskompetenzen an die Betriebsparteien zu einer unkontrollicrbaren Erosion des Tarifsystems führen kann. Dies ist ein wichtiges Argument in der seit Mitte der neunziger Jahre in Deutschland geführten Debatte über die Erosion der Flächcntarifverträge (König u.a. 1998). Es wird befürchtet, dass die Grundfesten des dualen Systems der deutschen industriellen Beziehungen mit seiner feinen Balance zwischen zentralen und dezentralen Akteuren, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden auf der einen sowie Betriebsräten und Unternehmen auf der anderen Seite, insgesamt aus dem Gleichgewicht geraten könnten (Hasscl 1999; Bispinck/Schulten 1998). Die Verbetrieblichung der Regulierungsebenen wird vor allem deshalb als Triebkraft der Erosion verstanden, weil vermutet wird, dass sie die "Prägekraft" (Bispinck/Schulten 1998) tariflicher Regulierungen schwächt. Die Verlagerung der Regulierungsebenen führt in dieser Lesart dazu, dass die tariflichen Normen immer weniger Orienticrungsfunktion für die tatsächliche Regulierungspraxis in den Unternehmen haben.

Ich möchte an diese Diskussion mit zwei Perspektiven ansetzen. Die erste Perspektive ist die der empirischen Tiefenanalyse. Über die genaue Funktionsweise neuer Formen der Arbeitszeitregulierung in der betrieblichen Praxis ist nämlich wenig bekannt. So eindeutig der Trend der Flexibilisierung empirisch nachgewiesen wurde (Herrmann u.a. 1999; Promberger u.a. 2002), so wenig weiß man noch darüber, wie sich neuartige Formen der Arbeitszeitregulierung in der praktischen Arbeitszeitgestaltung der Beschäftigten in den Betrieben niederschlagen. Es ist daher auch keinesfalls klar, ob und unter welchen Bedingungen Verbetrieb...

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