Von Der Avantgarde Zu Den Verlierern Des Postkommunismus: Gewerkschaften Im Prozess Der Restrukturierung Der Stahlindustrie in Mittel- Und Osteuropa**/From Vanguard to Losers of Postcommunism: Unions and Restructuring of the Steel Industry in Central and Eastern Europe

Industrielle BeziehungenBand 17 Nr. 2, April 2010

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Von Der Avantgarde Zu Den Verlierern Des Postkommunismus: Gewerkschaften Im Prozess Der Restrukturierung Der Stahlindustrie in Mittel- Und Osteuropa**/From Vanguard to Losers of Postcommunism: Unions and Restructuring of the Steel Industry in Central and Eastern Europe

1. Einleitung

Obwohl der Zusammenbruch der realsozialistischen Planwirtschaft auf Proteste von Werft- und Stahlarbeitern der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc zurückgeht, spielen die Gewerkschaften, einschließlich der Solidarnosc, heute in Mittelund Osteuropa nur noch eine marginale Rolle. Gesunkene Mitgliederzahlen, geringe Verbreitung von Tarifverträgen, der Mangel an ,echtem' Korporatismus und fehlender politischer Einfluss demonstrieren ihre Schwäche. Die Gründe hierfür sind in der Literatur meist auf der Makroebene angesiedelt und lassen sich in externe und interne Faktoren einteilen. Zu den externen Gründen zählen die staatssozialistischen Hinterlassenschaften (Crowley 2004; Ost/Crowley 2001), der Staatsetatismus (Bluhm 2006), die hohe Arbeitslosigkeit und das Ausmaß der informellen Wirtschaft (Greskovits 1998), der Einfluss der EU (Kutter/Trappmann 2010), sowie generellere Probleme von Gewerkschaften im Zuge der Globalisierung (Bohle/Greskovits 2006; Kubicek 2004). Interne Faktoren wie der Mangel an Kooperation und Koordination der Gewerkschaften (Meardi 2006) und das fehlende Klassenbewusstsein (Ost 2000, 2001) kommen hinzu. Diese vielseitigen Erklärungen lassen einige Fragen offen. Erstens differenzieren sie zu wenig zwischen den Ländern, was zur impliziten Annahme der Uniformität der Region führt. Zweitens legen sie ein zu großes Gewicht auf Institutionen und blenden die dynamischen Interaktionsprozesse der beteiligten Akteure aus (vgl. auch Advagic 2005); und drittens, der für uns entscheidende Punkt, konzentrieren sich die Analysen auf die Länderebene und vernachlässigen die betriebliche Ebene der industriellen Beziehungen,1 die in vielen Fällen, wie zu zeigen sein wird, erhebliche Rückwirkungen auf die nationale Ebene haben.

In diesem Beitrag möchten wir daher die genannten Befunde um eine ausstehende Mikro fundierung der Analyse ergänzen und den Bück für die Betriebe schärfen. Unser Vergleich von Unternehmen einer Branche in drei Ländern - Polen, Rumänien und der Slowakei - zeigt, dass sehr unterschiedliche Pfade und Entwicklungen zur Marginalisierung der Gewerkschaften gefuhrt haben. Zudem verdeutlicht das Beispiel der Stahlindustrie, dass die heutige Schwäche der Gewerkschaften sich zu einem großen Teil aus der internen Entwicklung der Betriebsgewerkschaften und ihrer Verflechtung mit den unternehmerischen Restrukturierungsprozessen im Transformationsprozess ergibt: Sie ist damit auch hausgemacht. Damit knüpfen wir an die These von David Ost (2009) an, der gerade in den institutionellen aber auch mentalen Hinterlassenschaften der Transformation die größten Hemmnisse für eine Revitalisierung der Arbeitnehmerorganisationen sieht.

Die Analyse der Stahlindustrie ist besonders aufschlussreich, da diese Branche einerseits im Realsozialismus eine herausragende Stellung hatte: sie thente als Vorzeigeprojekt der kommunistischen Modern...

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