Regionale Gewerkschaftspraxis in Ostdeutschland 20 Jahre Nach Der 'Wende' - Eine Fallstudie**/Trade Unions in East Germany 20 Years After 'Die Wende' - a Case Study

Industrielle BeziehungenBand 17 Nr. 2, April 2010

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Auszug


Regionale Gewerkschaftspraxis in Ostdeutschland 20 Jahre Nach Der 'Wende' - Eine Fallstudie**/Trade Unions in East Germany 20 Years After 'Die Wende' - a Case Study

1. Einleitung

Gewerkschaftliche Interessenvertretung ist in Ostdeutschland mit einem "Spezialfall des deutschen Systems industrieller Beziehungen" (Artus 2003: 268) konfrontiert. Der Institutionentransfer von West nach Ost ist in formaler Hinsicht zwar erfolgt, die praktische Ausgestaltung der industriellen Beziehungen hat jedoch, ausgehend von spezifischen ostdeutschen Strukturbedingungen und Verhaltensdispositionen der sozialen Akteure, andere Formen als in Westdeutschland angenommen. Entstanden ist ein "Hybrid" (Andretta/Baethge 1998: 38), in dem zwar der Flächentarif als eine Art strukturierender Rahmen fungiert, faktisch aber längst eine Dominanz auf betrieblicher Ebene ausgehandelter Modi der Regulierung von Arbeitsbedingungen existiert (vgl. Artus et al. 2000; Schmidt et al. 2003; Schroeder 2000). Die vorliegenden Stuthen der industriellen Beziehungen in Ostdeutschland zeigen übereinstimmend gravierende Probleme der Arbeitnehmervertretung auf, die sich mit den Stichworten starker Mitgliederrückgang, relativ schwache Gewerkschaftspräsenz auf betrieblicher Ebene und brüchige Tarifbindungen umreißen lassen. Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass dies mit einer erheblichen Schwächung gewerkschaftlicher Vertretungsmacht einhergeht. Gewerkschaftliche Erfolge im ostdeutschen Transformationsprozess werden seltener thematisiert, sind aber ebenfalls zu verzeichnen. So haben die Gewerkschaften in den neuen Bundesländern einen grundlegenden Beitrag zur Einbindung der industriellen Beziehungen in das gesamtdeutsche System geleistet, nicht zuletzt indem sie einen Teil des Anpassungsschocks aufgefangen haben. Darüber hinaus verfugen sie durch eine Kombination aus Beharrlichkeit und Flexibilität in ihrem Kampf um Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen durchaus über gewisse Optionen zur Mitgestaltung der Arbeitsbeziehungen im Sinne der Beschäftigten. Diese sind im Einzelnen aber von zunehmenden Differenzen und Abweichungen auf regionaler und betrieblicher Ebene betroffen (vgl. Schroeder 2000: 384ff).

Das Gros der einschlägigen Untersuchungen beschreibt die Situation vor zehn Jahren oder mehr, wurden sie doch im Zuge des vorläufigen Abschlusses des Transformationsprozesses Ende der neunziger Jahre durchgeführt. Wie sich die Problemlagen und Potentiale der Gewerkschaften in Ostdeutschland seither entwickelt haben, ist hingegen kaum bekannt. Insbesondere nach dem verlorenen Streik 2003 der IG Metall für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland scheint das Thema Gewerkschaften in den neuen Bundeslän...

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