Die Sozialpartner Und Der Wandel in Der Politik Der Beruflichen Bildung Seit 1970**

Industrielle BeziehungenBand 16 Nr. 3, Juli 2009

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Auszug


Die Sozialpartner Und Der Wandel in Der Politik Der Beruflichen Bildung Seit 1970**

1. Einleitung und theoretischer Rahmen

Laut jüngsten Diagnosen (Baethge/Solga/Wieck 2007; Neß 2007) befindet sich das deutsche Berufsbildungs system im "Umbruch". Stagnierende öffentliche Bildungsausgaben, eine Verschlechterung der ehemals einfachen Übergänge zwischen Schule, Ausbildung und Beruf, der graduelle Rückzug der Unternehmen aus der dualen Ausbildung, die vermehrten Klagen der Arbeitgeber und ihrer Verbände über mangelnde "Ausbildungsreife" der Bewerber sowie die Kritik der Gewerkschaften an der Ökonomisierung von Bildung und Ausbildung sind bekannte Symptome dieses Prozesses. Trotz sich verschärfender Problemlagen erscheint die Politik reformmüde. WolfDieter Greinert (2005) beispielsweise versucht zu erklären, "[w]arum in der Bundesrepublik ein modernes Berufsbildungsrecht nicht durchsetzbar ist" und spricht in anderem Zusammenhang vom "Versagen der Politik" (Greinert 1999: 191), die sich gegen überfällige Reformen sperre. Zur Erklärung für diesen "Reform stau" in der Berufsbildung und darüber hinaus wird gerne der Bildungsföderalismus und die damit einhergehende "Politikverflechtung" herangezogen, aber auch die Einbindung der Sozialpartner im Rahmen von korporatis tischen Entscheidungsprozessen wird zunehmend kritisch bewertet (Baethge 1999).

Eine vorschnelle Verurteilung der Berufsbildungspolitik als "reformunfähig" birgt jedoch die Gefahr, das Ausmaß des Wandels zu unterschätzen, denn Politikwandel vollzieht sich nicht nur in Form von gesetzlichen Änderungen, sondern z.B. auch in der Veränderung der Politikpräferenzen der Akteure. Gezeigt werden soll im Folgenden, dass es seit den 1970er Jahren durchaus signifikanten Wandel in der Politik der beruflichen Bildung gegeben hat. Dieser materialisiert sich aber nicht zwangsläufig in großen Reformgesetzen oder fundamentalen Richtungswechseln, sondern häufiger in Form von graduellen Positions Verschiebungen der relevanten Akteure und durch die Herausbildung neuer Akteurskonstellationen und Koalitionen (Streeck/Thelen 2005).

Die einschlägige Forschungsliteratur befas st sich stärker mit der Analyse der Transformation des Berufsbildungssystems an sich (stellvertretend für viele: Baethge/ Solga/Wieck 2007) als mit dem Wandel der Politik der beruflichen Bildung. Dies liegt auch darin begründet, dass die Bildungspolitik im Allgemeinen und die Berufsbildung im Besonderen von der Politikwissenschaft lange Zeit als Forschungsfelder vernachlässigt wurden. Die politische Dimension der Berufsbildung und die Rolle der Sozialpartner als politische Akteure ist daher bislang nur in wenigen Arbeiten explizit untersucht worden, die zudem kaum die jüngere Entwicklungsgeschichte der Berufsbildungspolitik erfassen (Baethge 1983, 2003; Greinert 1998; Hilbert/ Südmersen/ Weber 1990; Offe 1975; Streeck 1989; Streeck et al. 1987; Str...

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